Virtuelle Paneldiskussion, Tech Days, 15. Juni 2020. Auch in diesem Jahr ging es bei den TechDays wieder um innovative Technologien. Der Fokus des Events, das 2020 erstmals aufgrund von Corona als virtuelle Veranstaltung stattfand, lag dabei auf dem Thema Clean Tech. Auch in der digitalen Arbeitswelt spielen nachhaltige technologische Innovationen eine zentrale Rolle – hier steht die Frage im Vordergrund, wie nicht nur das technologisch Machbare umgesetzt werden kann, sondern dabei auch gesellschaftliche und ökologische Aspekte in Einklang mit wirtschaftlichem Erfolg gebracht werden können.

Um dieses Thema ging es auch bei der Paneldiskussion zum Thema New Work unter dem Motto Home office: Transparenz und Rechte von Mitarbeitenden”. In den vergangenen Monaten ist das Thema „Remote work“, das für einige von uns schon vor Corona zum Arbeitsalltag gehörte, allgegenwärtig geworden. Mit dem Arbeiten aus dem Home office geht der vermehrte Einsatz von Technologien einher – sei es für kollaboratives Arbeiten oder für Videokonferenzen.

Diese Entwicklung hat jedoch zwei Seiten: Einerseits können so Daten in großem Maßstab generiert werden. Dies ermöglicht Unternehmen einerseits, Arbeitsprozesse für die Mitarbeitenden neu zu gestalten, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und Produkte zu verbessern. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Mitarbeitende und ihre Arbeitsergebnisse kontrolliert werden – manchmal, ohne dass die Angestellten sich dessen bewusst sind. Während Verbraucher aktiv ihre Einwilligung zur Datenerfassung erteilen müssen, haben Mitarbeitende diese Möglichkeit aufgrund des Direktionsrechts, das sich aus der Unterzeichnung ihres Arbeitsvertrags ergibt, häufig nicht. Es besteht also ein asymmetrisches Machtverhältnis zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitenden.

In der Paneldiskussion diskutierten Dr. Tobias Kämpf vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF München) und Dozent an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen / Nürnberg und Dirk Ramhorst, CIO und CDO der Wacker Chemie AG und Sprecher für die Wirtschaft der Themenplattform Arbeitswelt 4.0, unter anderem folgende Fragen: Wie können Unternehmen Mitarbeitende einbeziehen, damit neue Technologien einerseits Vorgaben hinsichtlich Datenschutz und IT-Sicherheit erfüllen und die Tools gleichzeitig von den Angestellten akzeptiert werden? Wie können Mitarbeitende in dieser Hinsicht „empowered“ werden? Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Imme Witzel, Leiterin der Themenplattform Arbeitswelt 4.0 am Zentrum Digitalisierung.Bayern.

In seiner Key note speech machte Dr. Tobias Kämpf deutlich, dass die digitale Transformation einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft hin zu einer neuen Informationsökonomie bewirkt. Dieser zeigt sich beispielsweise in disruptiven Veränderungen ganzer Branchen, die aus großen Mengen erhobener Daten lernen und ihre Produkte und Dienstleistungen entsprechend anpassen. Den Kern dieser Veränderungen bilden datenbasierte Innovationskulturen, die wiederum auf digitalen Umgebungen, Prozessen und Arbeitswelten basieren. Auch wenn Corona diese Entwicklung stark beschleunigt hat, so betonte Dr. Tobias Kämpf doch, dass es bei Digitalisierung um mehr als nur um Automatisierung geht und sich bürokratische Organisationsstrukturen entsprechend schnell verändern müssen. Die digitale Transformation der Arbeitswelt birgt gleichzeitig Chancen und Risiken: Ohne nachhaltige Strategien droht eine neue Welle von Rationalisierung und Überwachung im Sinne eines „Taylorismus 2.0“. Zu den Gefahren, die dies mit sich bringt, zählen neben der Möglichkeit der Überwachung der Arbeitsprozesse durch neue Technologien auch die permanente Kontrolle von Arbeitsergebnissen, der wachsende Wettbewerb im Bereich der Wissensarbeit, der zu einem starken Leistungsdruck führt, sowie neue Formen der Kontrolle von Verhalten (Stichwort „nudging“). Dem Ansatz von Überwachung und Kontrolle in Organisationen stellte der Referent das Prinzip des „Empowerment“ entgegen, mit dessen Hilfe Mitarbeitende befähigt werden und ihre Perspektive auf die Digitalisierung mit einbringen können. Mit Hilfe dieses Ansatzes kannn eine neue Innovationskultur entstehen, die es den Mitarbeitenden ermöglicht, selbst aktiv mit zu gestalten, statt nur Objekte der Datenerhebung zu sein.

Das Thema Transparenz im Kontext von Arbeit und Technologie steht auch im Zentrum des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojektes “Inverse Transparenz”, in dem Dr. Tobias Kämpf mitwirkt. Zentrale Forschungsthemen in diesem Kontext sind die Frage, wie wir mit dem Paradigmenwechsel von der klassischen Industrie zu einer neuen Informationswirtschaft umgehen und wie wir den Umgang mit Daten nachhaltig gestalten können. Ausgangspunkt des Konzeptes der „inversen Transparenz“ ist es, dass Daten auf diese Art und Weise zur Grundlage für Innovationen werden können. Es ist wichtig, dass dies in einem Rahmen geschieht, in dem Vertrauen herrscht. Das Konzept der “inversen Transparenz” umfasst vier Kernkonzepte:

Neue Transparenz: Allen Mitarbeitenden im Unternehmen muss bekannt sein, welche Daten über Mitarbeitende bei der Arbeit tatsächlich generiert werden (“watch the watcher”).

Neue Beteiligung: Die Mitarbeitenden und ihre Interessenvertretungen müssen mitbestimmen können, welche ihrer Daten zu welchem Zweck verwendet werden – und welche Daten sie selbst für ihre Arbeit benötigen.

Neue Führungskultur: Die neue Transparenz darf nicht für mehr Kontrolle und Mikromanagement verwendet werden. Stattdessen erfordert sie Führung auf Augenhöhe.

Kollektive Rechte: Die bestehenden asymmetrischen Machtverhältnisse in der Arbeitswelt müssen durch neue kollektive Rechte wie Vertriebsvereinbarungen fortlaufend abgesichert werden.

Dirk Ramhorst betonte in seiner Key note speech, dass in vielen Branchen (zumindest noch vor der Corona-Krise) oft noch viel Misstrauen in Bezug auf das Thema „remote work“ herrschte und auch die technische Ausstattung der Mitarbeitenden dies nicht immer zuließ. In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich dies jedoch fundamental geändert und viele Firmen habe ihre Mitarbeitenden ins Home office geschickt – wenn auch nicht immer im Einklang mit existierenden Richtlinien wie bspw. Betriebsvereinbarungen. Diese Veränderung wird auch nach der Corona-Krise andauern und dieser Wandel erfordert konstante Führung und Kommunikation von Managementseite über kommende Veränderungen. Unternehmen müssen reflektieren, welche Lehren hinsichtlich des Einsatzes von Technologie und im Hinblick auf Prozesse aus den vergangenen Monaten gezogen werden können. Der kulturelle Wandel, der sich in den vergangenen Monaten vollzogen hat, ist bemerkenswert und jede Organisation muss für sich selbst auswerten, welche Strategien hier am besten passen – hier gibt es keine Lösung, die für alle Unternehmen gleichermaßen anwendbar ist. Dirk Ramhorst verglich das Thema Daten und deren Bedeutung mit der knappen Ressource Wasser (statt der oft verwendeten Analogie zum Öl). Die Erhebung von Daten muss – ebenso wie die Verwendung von Wasser – sinnvoll geschehen und eine übermäßige Erfassung von Daten, die ohne vorab definiertes Ziel erfolgt, sollte vermieden werden.

Auch der anschließenden Diskussion, an denen sich auch das Publikum intensiv mit Fragen und Anmerkungen beteiligte, wurde deutlich, dass Mitarbeitende, deren Daten erhoben werden, nicht zum Spielball der Datenverarbeitung werden dürfen, sondern Einfluss auf die Sammlung ihrer Daten haben und dem zustimmen müssen. Grundlage hierfür ist die Datenschutzverordnung (DSGVO), der zufolge bestimmte Verarbeitungsgrundsätze gelten: Daten müssen in gutem Glauben erhoben werden, ihre Sammlung muss einem definierten Ziel dienen und die Intervention muss auf einer Rechtsgrundlage erfolgen. Diese Grundsätze ermöglichen sowohl Transparenz, Integrität, als auch Vertraulichkeit – das Thema Datenschutz sollte daher in Organisationen konstruktiv diskutiert werden.

Auch die Bedeutung neuer (agiler) Ansätze und Methoden bei der Entwicklung von Technologien wie das human-centered design für das Thema Transparenz und Akzeptanz wurde in der Diskussion betont. Hierbei werden die Perspektiven und Erfahrungen der NutzerInnen bei der Entwicklung von Lösungen von Anfang an mit einbezogen. Dabei sollte Benutzerfreundlichkeit als wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Design angestrebt werden. Dies hat auch positive Effekte im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit: Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen, die sich dem Ansatz des human-centered design verschrieben haben, werden aufgrund der höheren Benutzerfreundlichkeit oft positiver angenommen.

In der Diskussion wurde auch deutlich, dass insbesondere der Umgang mit Daten ein verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln im Sinne einer Corporate Social Responsibility erforderlich macht. Wenn Unternehmern in dieser Hinsicht vorbildlich handeln, wirkt sich dies auch positiv hinsichtlich der Vertrauensbildung aus.

Der Einsatz von Technologien in einer Organisation bringt aus Sicht der Mitarbeitenden folgende Fragen mit sich: Was passiert mit meinen Daten? Was ist mit Datensicherheit? Wie ist es möglich, einen Überblick über die erteilte(n) Einwilligung(en) zu behalten? Im Kontext der Verbraucherbelange hat dies zu einer „Charta der digitalen Verantwortung“ geführt, die Mindeststandards, aber auch Beispiele für gute und wünschenswerte Lösungen – d.h. gute Praxisbeispiele für verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln im Kontext der Digitalisierung umfasst.

In der Paneldiskussion wurde die Frage diskutiert, wie diese Datenschutzstandards zum Schutz der Mitarbeitende angewendet werden können. Dabei ist es ist wichtig, nicht nur über die Unternehmensverantwortung für digitale Produkte und Dienstleistungen zu sprechen, sondern diese auch in Unternehmen zur obersten Priorität zu machen und operativ umzusetzen – mit anderen Worten, Corporate Digital Responsibility in die Unternehmens-DNA mit aufzunehmen. Unternehmen sollten dabei von Anfang an mögliche Risiken der verwendeten Technologie identifizieren und berücksichtigen, wie sie Mitarbeitende diesbezüglich schützen können.

Die Paneldiskussion lässt sich mit dem Satz zusammenfassen: „Die digitale Transformation der Arbeitswelt erfordert Mut zur Zusammenarbeit und Transparenz – unter den richtigen Rahmenbedingungen.“ Die ZD.B-Themenplattform Arbeitswelt 4.0 wird die Diskussion um das Thema auch zukünftig weiter begleiten und mitgestalten.

Ein Überblick über alle Programmpunkte der TechDays findet sich im Blog.

Mitschnitte der Paneldiskussionen zu unterschiedlichen Themen wie Cybersecurity, Digitale Gesundheit, Smart Farming, Smart Cities, Energie und Mobilität finden sich hier.